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Martin Buber, Das Pferd

 

Wenn ich über die Mähne strich und das Lebendige unter meiner Hand leben spürte, war es, als grenzte mir an die Haut das Element der Vitalität selber, etwas, daß nicht ich war, gar nicht ich war, gar nicht ich-vertraut, eben handgreiflich das Andere, nicht ein anderes bloß, wirklich das Andere selber, und mich doch heranließ, sich mir anvertraute, sich elementar mit mir auf Du und Du stellte.

 

Brief von Lou Andreas-Salomé an Rainer Maria Rilke, 16. Januar 1919, über den Tod ihres Pferdes:

 

„Er war es, der der mich auf seinem kleinen weißen Rücken so durch den Krieg trug, daß ich am Leben blieb. Kerngesund in jeder Stunde wurde er abends auf unfaßliche Weise von Tetanus-artigen Krämpfen befallen, um 9 uhr früh von ihnen - ermordet, möchte man sagen, denn selbst in den, stets kürzer werdenden, Pausen blieb er immer wieder kerngesund, mit einer Innigkeit und Bewußtheit sich verabschiedend, die unerhört, unerhört, unerhört ist.“

 

Rilke an Lou Andreas-Salomé, 21. Januar 1919:

„Dein Brief hat mir die ganze Treue zu dem kleinen Freund nochmals ins Herz gerufen. (...) Die Umlaufzeiten dieser kleinen Herz-Gestirne zu erfassen: ist ja doch auch Einweihung ins eigene Leben; und ob uns diese heiteren Monde auch die reinste Welt-Sonne wiederscheinen, es war doch vielleicht ihre immer abgekehrte Seite, durch die wir mit dem unendlichen Lebensraum dahinter in Beziehung standen.“

 

Rainer Maria Rilke/Lou Andreas-Salomé, Briefwechsel, Insel Verlag

Aus: Albert Schweitzer, Ehrfurcht vor den Tieren, Verlag C. H. Beck

 

"Es ging mir auf, dass die Ethik, die nur mit unserem Verhältnis zu den anderen Menschen zu tun hat, unvollständig ist und darum nicht die völlige Energie besitzen kann. Solches vermag nur die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Durch sie kommen wir dazu, nicht nur mit Menschen, sondern mit aller in unserem Bereich befindlichen Kreatur in Beziehung zu stehen und mit ihrem Schicksal beschäftigt zu sein, um zu vermeiden, sie zu schädigen, und entschlossen zu sein, ihnen in ihrer Not beizustehen, soweit wir das vermögen. Klar war mir alsbald, dass diese elementare völlige Ethik eine ganz andere Tiefe, eine ganz andere Lebendigkeit, eine ganz andere Energie besitze als die sich nur mit dem Menschen abgebende.

Durch die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben gelangen wir in ein geistiges Verhältnis zum Universum. Die Verinnerlichung, die wir durch sie erleben, verleiht uns den Willen und die Fähigkeit, eine geistige, ethische Kultur zu schaffen, durch die wir in einer höheren Weise als der bisherigen in der Welt daheim sind und in ihr wirken.

Die fundamentale Tatsache des Bewusstsein des Menschen lautet:

"Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will."

Der denkend gewordene Mensch erlebt die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegen zu bringen wie dem seinen. Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm, Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten. Dies ist das denknotwendige, universelle, absolute Grundprinzip des Ethischen. Die bisherige Ethik ist unvollkommen, weil sie es nur mit dem Verhalten des Menschen zum Menschen zu tun zu haben glaubt. In Wirklichkeit aber handelt es sich darum, wie der Mensch sich zu allem Leben, in seinem Bereich befindlichen Leben, verhält. Ethisch ist er nur, wenn ihm das Leben als solches heilig ist, das der Menschen und das aller Kreatur."

 

Geschrieben im September 1915

 

 

 

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